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Branchenbericht im Herbst/Winter 2016

Kerzenverbrauch auf Rekordhoch, Rendite der Hersteller auf Rekordtief
Die Freude der Verbraucher am warmen, behaglichen Schein einer Kerze ist ungebrochen und erreicht mit einem Gesamtverbrauch von mehr als 700.000 Tonnen im vergangenen Jahr ein Allzeithoch.

Statistisch gesehen hat damit jeder EU-Bürger vom Säugling bis zum Greis fast 1,4 kg Kerzen gekauft. Besonders erfreulich ist, dass die Kerzenhersteller die heimische Produktion weiter ausbauen konnten und neun von zehn Kerzen aus europäischer Herstellung stammen. Für das laufende Jahr wird eine weitere robuste Zunahme des Kerzenverbrauchs erwartet. Der Markt für LED-Imitate scheint dagegen gesättigt zu sein und hat im laufenden Jahr zum ersten Mal stagniert. Diese Produkte kommen vorwiegend dort zum Einsatz, wo Kerzen aufgrund der offenen Flamme ein zu großes Risiko wären, also beispielsweise in Kindergärten oder Altenheimen.

Diesen guten Nachrichten zum Trotz sehen sich viele europäische Kerzenhersteller gewaltigen Herausforderungen gegenüber. Ebenso historisch wie die Höhe des Kerzenverbrauchs ist nämlich leider auch der Preisdruck auf die Hersteller. Bereits jetzt befinden sich viele Hersteller am Rande der Profitabilität und einige haben diese Linie schon überschritten. Sollten sich die Renditen in den kommenden Jahren nicht nachhaltig verbessern – wofür es derzeit leider keine Anzeichen gibt – sind weitere Produktionsschließungen insbesondere in Westeuropa unausweichlich. Der weiteren Entwicklung in den folgenden Bereichen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu: 

zunehmende Billigimporte aus China

Für einen Zeitraum von knapp sieben Jahren war die europäische Kerzenindustrie durch Antidumpingzölle vor Billigimporten aus China geschützt, die sie zuvor an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hatten. Diese Verschnaufpause haben die Hersteller dazu genutzt ihre Anlagen zu modernisieren, um möglichst effizient produzieren zu können. Gleichzeitig wurde aber eine beachtliche Überkapazität aufgebaut, die zu einem erbitterten Konkurrenzkampf geführt hat. Nachdem sich die Europäische Kommission vor etwa einem Jahr unbegreiflicherweise und trotz eindeutiger Beweislage dagegen entschieden hat, die heimischen Hersteller weiterhin zu schützen und die Verlängerung der Antidumpingzölle abgelehnt hat, ist die Einfuhr billiger chinesischer Kerze bereits wieder merklich angestiegen. Einen fairen Wettbewerb müssen die europäischen Hersteller nicht fürchten – aber ob sich der chinesische Staat daran hält, den dortigen Herstellern nicht wieder durch massive Subventionen einen unfairen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen und damit gezielt die hiesigen Kerzenhersteller zu schädigen, muss leider in Frage gestellt werden.
ungewisse Rohstoffversorgung

Paraffin ist nach wie vor der am meisten verwendete Rohstoff für die Kerzenherstellung. In den vergangenen zwei Jahren ist ein Drittel der ohnehin schon knappen Produktionskapazitäten in Europa weggefallen und die Kerzenhersteller sind mittlerweile zwingend auf hohe Importe angewiesen. Die Folgen sind teilweise extreme Preissprünge durch Wechselkursschwankungen und eine ungewisse Versorgungslage, die Kerzenhersteller benötigen aber ein möglichst stabiles Preisniveau für ihre Rohstoffe.

Alternative Rohstoffe, allen voran Fette und daraus hergestelltes Stearin, stehen zwar in der erforderlichen Qualität ausreichend zur Verfügung, aber ihre Preisentwicklung kennt seit mehr als einem Jahr nur eine Richtung – steil nach oben. Eine zertifizierte Nachhaltigkeit wird hier immer stärker nachgefragt, was die Kerzenhersteller ausdrücklich begrüßen, aber die Zusatzkosten für die entsprechenden Rohstoffe und der Aufwand für die notwendigen Zertifizierungen sind beträchtlich.

immer strengere rechtliche Anforderungen

Die Einhaltung der stetig anspruchsvoller werdenden rechtlichen Anforderungen wird von den Herstellern sehr ernst genommen und gewissenhaft dokumentiert – aber der Aufwand ist gewaltig. Zudem gibt es immer wieder nationale Alleingänge von Mitgliedsstaaten, die die EU-weit geltenden Anforderungen mehr oder weniger stark abändern und so für zusätzlichen Aufwand sorgen. Die Europäische Kommission könnte diesem Wildwuchs, der insbesondere für europaweit tätige Unternehmen extrem störend ist, Einhalt gebieten, in dem sie die bereits vor mehr als einem Jahr zusammen mit den Mitgliedsstaaten und der Kerzenindustrie entwickelten zukünftigen Sicherheitsanforderungen endlich veröffentlichen würde. Die rechtlichen Anforderungen würden dadurch zwar noch strenger werden, aber eine europaweit einheitliche Auslegung der Produktsicherheit und eine konsequente Fortführung der Normierung werden von den Kerzenherstellern definitiv begrüßt.

steigende Kundenanforderungen

Die Konzentration des Handels hat sich weiter fortgesetzt und die Macht der Handelskonzerne weiter gestärkt. Das schlägt sich einerseits in einem extremen Preisdruck nieder, der noch durch die zunehmende Verlagerung des Kerzenhandels weg von Einzelhändlern hin zu traditionell sehr preisbewussten Discountern verstärkt wird. Aufträge werden immer später erteilt und die Reaktionszeit wird verkürzt. Die notwendige Flexibilität kann nur durch eine vorausschauende und langfristige Lagerhaltung erreicht werden, wodurch Kosten und Risiken aber immer mehr auf den Hersteller übergehen und Kapital binden. 
Parallel dazu steigen aber auch die von Kunden geforderten und individuell oft sehr unterschiedlichen Verpflichtungen und Dokumentationen stetig an, beispielsweise für das Lieferkettenmanagement oder die soziale Verantwortung, um nur zwei Bereiche zu nennen.

Aktuelle Trends

Die für Kerzen verfügbare Fläche bei den Händlern wird immer geringer und entsprechend weniger Auswahl finden Käufer im einzelnen Markt vor. Trotzdem wird das Sortiment der Kerzenhersteller immer breiter mit vielen unterschiedlichen Formen, Farben und Düften, denn die Händler möchten sich voneinander absetzen und bieten entsprechend unterschiedliche Sortimente an. Für den größten Umsatz sorgen aber nach wie vor Klassiker, wie z.B. weiße Teelichte, Stumpenkerzen und zunehmend auch wieder Stab- und Spitzkerzen. 

Ist man dagegen auf der Suche nach großen und aufwändigen Kerzen mit ausgefallenem Design, die beispielsweise bei Gestecken oder Arrangements als zentraler Blickfang eingesetzt werden können, wird man beispielsweise bei Homedekoketten, Floristikläden oder Gartencentern fündig. Auch der Onlinehandel von Kerzen trägt zur Erhaltung der kreativen Vielfalt bei.

Im Trend liegen in diesem Jahr vor allem Teelichte und Maxilichte mit transparenten Kunststoffhüllen, die den Blick auf die Flamme freigeben, und auch Farben und Düfte halten immer mehr Einzug. Ebenfalls stark sind Stumpenkerzen im „Rustic“-Design sowie Gläserkerzen in allen Formen und Farben. Auch Duftkerzen erfreuen sich weiterhin großer Beliebtheit, wobei es hier regional sehr starke Unterschiede gibt.

Verbraucher haben Qualität selbst in der Hand

Bei allem Preisdruck und den zukünftigen Herausforderungen ist unseren Mitgliedern sehr daran gelegen, auch weiterhin beste Qualität zu liefern. Nur wenn die Verbraucher mit dem Produkt zufrieden sind, wird der Kerzenverbrauch nachhaltig wachsen. Dass sich hohe Qualität langfristig durchsetzen wird, haben Verbraucher aber zu einem großen Teil selbst in der Hand, was sie bei vielen anderen Produkten bereits bewiesen haben. Der Preis sollte nicht immer das alles entscheidende Kriterium beim Kauf sein, insbesondere bei einem so preiswerten Produkt, wie es Kerzen ohnehin sind. Vielmehr sollte auf ein schönes Erscheinungsbild und eine gute Verarbeitung geachtet werden. Und falls eine Kerze beim Brennen doch einmal hinter den Erwartungen zurück bleiben sollte, gibt es genügend Alternativen zu kaufen, die überzeugen werden.

Wenn Verbraucher bereits beim Kauf sichergehen möchten, dass sie eine qualitativ hochwertige Kerze kaufen, sollten sie auf das RAL Gütezeichen Kerzen achten. Es steht für höchste Qualität bei den Rohstoffen und dem Abbrandverhalten der Kerzen und findet auch über Mitteleuropa hinaus immer mehr Beachtung bei Händlern und vor allem Verbrauchern.

RAL Gütezeichen Kerzen

Pdf-Download des Branchenberichts


European Candle Association ASBL

Stuttgart, Dezember 2016